Ein Postscriptum zur Bibelübersetzung

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In der Übersetzung von Genesis 1,5 schreibt man  nach Luther :“Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“ während Hieronymus von „dies unus“ (ein Tag) sprach. אֶחָֽד ist aber nach bibelhebräischer Grammatik eine Kardinal- und keine Ordinalzahl, womit Luther und die Einheitsübersetzung irren.

Wäre die Bibelsprache akkadisch, so  würde sich das Thema der Übersetzung von אֶחָֽד in Genesis 1,5  erübrigen. In der akkadischen Sprache gilt nämlich, dass im Fall der Eins die Ordnungszahl und die Kardinalzahl gleichlauten. Damit hätte dann Luther mit seiner Übersetzung genauso recht wie Hieronymus. Wenn nun auch die Endredaktion des Schöpfungsberichts des Elohisten im akkadischsprachigen Babylon (mit seinem Mythos Enūma eliš) erfolgt sein dürfte, so ist doch die Vermutung einer „Grammatik-Assimilation“ sehr exotisch!

Luther kann übrigens vom Akkadischen nichts gewusst haben, es wurde erst im 19. Jahrhundert wieder erschlossen.

 

 

 

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Die Tradition des Anachronismus

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In der christlichen bildenden Kunst war es – nicht nur in der naiven Volkskunst – schon immer üblich, historische Ereignisse im zeitgenössischen Kleid darzustellen. Das Hochmittelalter liefert dazu eine wahre Fundgrube von Anachronismen, diese Manier setzt sich in der Renaissance fort und gipfelt im Barock. Die Künstler der Romantik verstanden die Kraft dieser blutvollen Aneignung nicht mehr, kritisierten sie und versuchten Anachronismen zu vermeiden, was meist katastrophal scheiterte, wie auch dann in logischer Fortsetzung der amerikanische Film das Bild der Antike verfehlte.

Das wahrhaft Interessante daran ist die Tatsache, dass Sehgewohnheiten, die sich eingeprägt haben, auch gegen besseres Wissen dominant bleiben. So bleiben antike Statuen und Tempel weiterhin monochrom, auch wenn inzwischen die grelle Buntheit der Originale allgemein bekannt geworden ist. In besonderer Weise gilt das im religiösen Bereich, der seiner Natur nach zur frommen Bewahrung neigt.

Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Darstellung des heiligen Nikolaus von Myra in der Kunst der römischen Kirche. Nikolaus trägt dabei immer eine Bischofsmütze, eine Mitra. Nun muss man wissen, dass die Mitra erst seit dem 12. Jahrhundert üblich wird, Nikolaus aber vor 370 gestorben ist! Trotzdem ist ein Schokolade-Nikolaus ohne Mitra völlig unverkäuflich! Die anachronistische Darstellung ist zur Gewohnheit, also zur Tradition und damit zur normativen Wahrheit geworden.

Dieses Beispiel ist harmlos, es gibt allerdings andere Beispiele mit bedeutenden Konsequenzen. Auch Meinungen, die Produkt einer späteren Zeit waren, wurden in anachronistischer Projektion den kanonischen Anfangsautoritäten zugeschrieben und haben sich dann durch lange Praxis felsenfest eingenistet.

Wie übersetzt man die Bibel?

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In Genesis 1,5 steht (Biblia Hebraica Stuttgartensia, Septuaginta, Vulgata, Luther):

וַיִּקְרָ֨א אֱלֹהִ֤ים׀ לָאֹור֙ יֹ֔ום וְלַחֹ֖שֶׁךְ קָ֣רָא לָ֑יְלָה וַֽיְהִי־עֶ֥רֶב וַֽיְהִי־בֹ֖קֶר יֹ֥ום אֶחָֽד

καὶ ἐκάλεσεν ὁ θεὸς τὸ φῶς ἡμέραν καὶ τὸ σκότος ἐκάλεσεν νύκτα. καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα μία.

appellavitque lucem diem et tenebras noctem factumque est vespere et mane dies unus

und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Im hebräischen, griechischen und lateinischen alten Text steht „Tag eins“ oder „ein Tag“, bei Luther und fast allen neueren Übersetzungen aber „der erste Tag“. Es wird die Kardinalzahl durch die Ordinalzahl ersetzt, was noch dazu logisch erscheint, weil in den alten Texten im Folgenden „der zweite Tag“, „dritte Tag“ usw. steht. Wer autorisiert aber den Übersetzer zu dieser „Verbesserung“? Es ist offenbar der Glaube daran, dass man den schludrigen alten Text korrigieren muss!

Nun sollte aber jedem Fachmann bekannt sein, dass dieser biblische Teil augenscheinlich mit geradezu unheimlicher Präzision  komponiert worden ist. Der Autor wird daher seinen Grund gehabt haben, so und nicht anders zu schreiben. Die Tatsache, dass wir diesen Grund nicht kennen, autorisiert uns nicht dazu diese „Auffälligkeit“ zu glätten! Früher konnte man erwidern, dass der Text „verdorben“ sei, bei heutiger Quellenlage ist dieser Einwand an dieser Stelle Unfug.

Meine Antwort auf die Frage in der Überschrift lautet also: Man übersetze präzise und mit Respekt vor dem Original, auch dann, wenn es nicht einsichtig ist, warum etwas so und nicht anders formuliert wurde.

Wer kennt Lavinia und Sofonisba?

Papst Gregor XIII und König Philipp II von Spanien, Partner beim Sieg von Lepanto wurden von den bedeutendsten Künstlern ihrer Zeit porträtiert. Das Bild Gregors in der Wikipedia stammt von Lavinia Fontana, das Bild Philipps von Sofonisba Anguissola. Sollten sie diese Künstlerinnen kennen, so darf ich ihnen zu ihrer ausgezeichneten und vorurteilsfreien Bildung herzlich gratulieren, wir anderen wurden Opfer des misogynen Kunstklüngels der letzten Jahrhunderte.

Ausgezeichnet passt dazu, dass in der monumentalen Time-Life Serie „Die Welt der Kunst“ noch 1977 zwar Orazio Gentileschi, aber nicht seine – zu ihrer Zeit weit bekanntere – Tochter Artemisia erwähnt wurde.

Während die Herrscher des 16. Jahrhunderts augenscheinlich über eigenständigen Kunstgeschmack verfügten, so haben die Kunsthistoriker seit der Romantik, die die Kunst zum Religionsersatz stilisierten, Frauen ganz im Sinne Schopenhauers eliminiert. Das 19. Jahrhundert glaubte zu wissen, dass Frauen zu höherer Kultur aktiv und passiv unfähig seien. Was für ein Skandal, dass das noch immer tradiert wird. Wie schön, dass sich in der Wikipedia neue und gerechte Ansätze finden lassen.

 

Ist Gott tot?

Nietzsche in Turin

Warum ein Philosoph glauben will, dass Gott tot sei:

weil er seine Freiheit nicht durch eine übergeordnete Macht eingeschränkt sehen will
weil er die augenscheinliche Unverfügbarkeit Gottes als dessen Abwesenheit deutet
weil er glaubt, dass der Lauf der Welt jeglichen Sinns entbehre
weil er glaubt Gott die Schande Auschwitz ersparen zu müssen
weil er Christus, der ihm begegnet ist, nicht erkannt hat

 

Was ist bildende Kunst?

Bekanntlich gibt es in unserem Kulturraum derzeit keine allgemein akzeptierte Definition von bildender Kunst, was gegenüber einer belastenden Vergangenheit durchaus etwas Tröstliches hat.
Pragmatisch kann man sagen, dass Kunst heute das ist, was im Kunsthandel und den Medien als solche gezeigt wird. Kunst ist also augenscheinlich ein soziologisch und ökonomisch bestimmtes Phänomen.
Ein Hammer mit Preiszettel in einem Baumarkt ist ein Gebrauchsgegenstand, ein Hammer in einer Galerie kann heute und hier ein Kunstwerk sein, wenn er als solches beschriftet ist. Bei mangelnder Präsentation im Museum ist es daher bereits mehrfach vorgekommen, dass das Kunstwerk (etwa von Joseph Heinrich Beuys) bei der täglichen Reinigung entsorgt wird.

Was unterscheidet also (seit Marcel Duchamp, 1917) den Gebrauchsgegenstand vom Kunstwerk? Augenscheinlich ist es das definierende Umfeld!
In der Sprache der aristotelischen Philosophie ist das Kunstwerk in unserem Kontext also nicht durch seine „Akzidenz“, sondern durch seine „Substanz“ als solches erkennbar. Man kann einem Objekt nicht ansehen, ob es Kunst im modernen Sinn ist, es ist eine Sache der normativen Definition!
Allerdings kann man in einem zweiten Schritt dann fragen, nach welchen Kriterien die normativen Definierer vorgehen. Gibt es jenseits des Kommerzes und allfälliger verschwörungstheoretisch relevanter Ideologien auch „reine“ (intrinsische) Motive?
Ein Diskussionsansatz könnte dazu die Definition der Bildhauerei von Tony Cragg sein:

Sie sei eine seltene Nutzung von Material, frei von Funktion. Die Künstler geben dem Material erst „eine Bedeutung und auch einen Sinn“ (Eröffnung der Ausstellung „Die Bildhauer in der Kunstsammlung NRW, 2013)

Bergpredigt

Pinchas Lapide hat immer wieder erklärt, dass rabbinische Texte nicht, wie es gerne griechische Philosophen tun, allgemein gültige Weisheiten verkünden, sie sind dagegen immer auf den Einzelfall bezogen, also konkret und spezifisch. Die allgemeine Lehre dahinter zu finden ist dem Leser überlassen!

Nach dem österreichischen Judaisten Kurt Schubert ist daher die Bergpredigt im politischen und sozialen Kontext ihrer Zeit zu lesen: Das Land ist von der Großmacht Rom besetzt und total kontrolliert, ausgebeutet und gedemütigt. Schubert hat dabei wohl auch an seine Wiener Heimat gedacht, entrechtet zuerst durch die deutschen Nazi, dann durch die sowjetische Besatzungsmacht.
So klingt in der Bergpredigt so etwas wie eine Verhaltensregel gegenüber tyrannischen Besetzern an, bei denen Widerstand zwecklos und selbstmörderisch wäre.

Matth. 5,38-41
38 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: »Auge um Auge und Zahn um Zahn!«
39 Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar;
40 und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Hemd nehmen will, dem laß auch den Mantel;
41 und wenn dich jemand nötigt, eine Meile weit zu gehen, so geh mit ihm zwei.

In den Seligpreisungen werden die glücklich genannt, die (jetzt!) vollkommen arm sind. So arm, dass sie nicht nur nichts haben, sondern auch nichts tun und nichts glauben, hoffen oder sogar beten können (Anawim עֲנָוִים ). Das (scheinbare) Paradoxon, dass diejenigen „selig“ sind, die arm, hungrig und traurig sind, wird durch die Heilszusage Gottes gerade an sie (und nur an sie, denn die Besitzenden sind Kollaborateure der Besatzungsmacht!) aufgelöst. Es ist für diese Hoffnungslosen ein großer Trost, dass Jesus ihnen eine helle Zukunft zusagt.

Ist das jetzt im Sinn jüdischer Apokalyptik (Michael Becker, Markus Öhler) die Zusage eines endzeitlichen Eingriff Gottes, der das Schicksal des geknechteten Israel wendet und die römische Gewaltherrschaft beendet? Oder ist das eine für alle Zeiten gültige sozialkritische Heilszusage an Mittellose, welcher Art auch immer?
Das steht nicht im Text! Es ist Aufgabe des Lesers seine Schlüsse zu ziehen. In der katholischen Kirche hat das Lehramt dem Gläubigen diese schwierige Aufgabe abgenommen, sie liefert ihm die Antwort(en), er kann sie lieben oder auch nicht.