Ein Bündel ritterlicher Ehren

Das Epitaph des Heinrich Ketzel an der Sebalduskirche in Nürnberg (1453) zeigt ein interessantes Phänomen der Ritterschaft vom heiligen Grab. Viele Grabesritter waren auch Ritter anderer Gesellschaften, wie auch hier im Relief dargestellt:

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  • Aragonesischer Kannenorden ( Orden de la Jarra y el Grifo)
  • Orden vom heiligen Grab
  • Katharinenorden
  • Schwertorden von Zypern

Den Titel des Grabesritter erwarb man bekanntlich durch den Ritterschlag in der Grabeskirche von Jerusalem, das Rad der heiligen Katharina durfte man als ritterliches Symbol führen, wenn man die Katharinenkapelle in Bethlehem (halbes Rad) und dann das Katharinenkloster im Sinai besucht hatte (ganzes Rad). Besuchte man auf der Rückreise von Jerusalem den König auf Zypern, so konnte man als Hofehre den Schwertorden erhalten.

Schwierig aufzuklären ist die durchaus häufige Mitgliedschaft im aragonesischen Kannenorden. Er hätte am Hof des Königs beider Sizilien in Neapel oder in Spanien selbst verliehen werden können, was bei den meisten Jerusalempilgern aber auszuschließen ist. Wahrscheinlicher ist wohl die Verleihung durch den römischen Kaiser!

Abschließend kann man wohl sagen, dass Frömmigkeit und der Wunsch nach sozialer Anerkennung immer schon ein wichtiges Motiv menschlichen Handelns bildeten und manchmal auch heute noch bilden.

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Anathema

Ich möchte hier nicht die historische Entwicklung des Gebrauchs des „anathema sit“ (ἀνάϑεμα ἔστω) in der römischen Kirche darstellen. Das ist zwar verlockend, weil es von Paulus bis zum Vaticanum II geht, also von der (potentiell tödlichen) Ausgrenzung bis hin zum Verzicht auf dieses Instrument.
Vielmehr möchte ich, anknüpfend an die Verwendung in der Orthodoxie, eine Empfehlung für die Führung rationaler Diskussionen geben. Bekanntlich verwendet die Ostkirche das „anathema“ (sprachlich sicher korrekt) nicht als Verfluchung, sondern der davon Betroffene wird außerhalb der Kirche sich selbst überlassen.

Jeder Teinehmer an einem Streitgespräch mag es erlebt haben, dass Argumente verwendet werden, die im logischen Sinn keine sind und sich damit dem rationalen Diskurs entziehen. Der rationale Diskutant steht dann hilflos vor einer Mauer arroganter und aggressiver Unbelehrbarkeit.

Dazu als Beispiel der Fall, dass jemand behauptet, er habe das Problem der Winkeldreiteilung durch klassische Konstruktion gelöst (was bekanntlich seit zweihundert Jahren als unmöglich bewiesen ist).

Gegen dieses Verlassen des gemeinsamen Bodens des common sense und des folgerichtigen Sprachgebrauchs (im Sinne Wittgensteins) gibt es nur ein Mittel, nämlich genau dieses Faktum in der Diskussion öffentlich festzustellen!

Also nach kirchlichem Beispiel: „Wer das sagt, anathema sit!“ Das soll dann bedeuten, dass der, der so redet, den gemeinsamen Boden der Diskussion verlassen hat, womit sich eine weitere Diskussion erübrigt, da sie nicht mehr möglich ist!

Das läßt aber auch die Hoffnung auf spätere Einsicht und Fortsetzung des Gesprächs offen!

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Der Gottesbeweis des Kurt Gödel

Anselmo d’Aosta, den wir Anselm von Canterbury zu nennen gewohnt sind (was viel über unsere lokale Tradition und Lehre aussagt) entwickelte den sogenannten ontologischen Gottesbeweis. Darin versuchte er zu zeigen, dass aus der Idee eines höchsten Wesens notwendig dessen Existenz folgen müsse. Bereits Thomas von Aquin kritisierte den Gedankengang und seit Immanuel Kant die Fehlerhaftigkeit des Beweises glasklar aufgezeigt haben wollte, glaubt jeder Intellektuelle darüber lächeln zu müssen.

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Der größte Logiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Kurt Goedel (1906 – 1978), der Macht und Ohnmacht der axiomatischen Methode in bewundernswerter Weise aufgezeigt und bewiesen hat, beschäftigte sich lange mit Anselms Gedankengang. Er publizierte dazu aber nichts, da er fürchtete für naiv gläubig gehalten zu werden, obwohl er doch nur bewiesen habe, dass Anselms Gedankengang logisch einwandfrei sei. Erst 1987 wurde erstmals sein rekonstruierter Anselmscher Beweis veröffentlicht. Darin wird formal und axiomatisch Anselm rehabilitiert. Nachprüfungen (mit Hilfe eines computerbasierten Logikprogramms) dieses von Gödel in der Sprache der Modallogik formulierten Satzes ergaben seine zweifelsfreie Richtigkeit.
Kurt Gödel begann seine Argumentation mit der Klassifikation von Eigenschaften, er definiert rein formal eine Eigenschaft als „positiv“, wenn ihre Negation nicht „positiv“ ist. Gödel zeigt dann, dass die Kombination aller positiven Eigenschaften einer Entität widerspruchsfrei zugeordnet werden kann. Weiters zeigt er, dass diese Entität im Sinn der Modallogik nicht nur möglich, sondern sogar notwendig ist. Eine Entität, die alle positiven Eigenschaften besitzt, existiert also notwendig und auch einzig.
Wie man dann die modallogisch notwendige Existenz einer Entität mit allen positiven Eigenschaften theologisch einordnen soll, wäre eine wichtige Aufgabe der Theologie. Mir ist nicht bekannt, dass ein katholischer Theologe von Rang sich damit beschäftigt hätte. Das betrübt mich.

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Der Geist der Renaissance

In seinem Roman „Leonardo da Vinci“ zeigte Dmitri Sergejewitsch Mereschkowski sehr schön jene Seite der Renaissance, die üblicherweise undiskutiert bleibt, nämlich ihre Vorliebe für Magie und neuplatonische Spekulation. Wiewohl das Werk in hoher Auflage verbreitet und auch von prominenten Autoren wie Thomas Mann gern gelesen wurde, hat es – ganz im Gegensatz zu Washington Irvings „Columbus“ keine Spur in der veröffentlichten Meinung hinterlassen. Dessen fiktive Kolumbus-Biografie begründete ja den bis heute ebenso weit verbreiteten, wie unhistorischen Glauben,  Gelehrte des fünfzehnten Jahrhunderts hätten sich die Erde nicht als Kugel, sondern als flache Scheibe vorgestellt, und Kolumbus habe mit seiner Fahrt nach Westen das Gegenteil beweisen wollen.

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Dagegen  halten Journalisten trotz Mereschkowskis Roman das Rinascimento für eine Hochzeit der reinen Naturwissenschaft und aufgeklärten Vernunft. Kein Wort von Zauberei und Hexenglauben, die man noch immer fälschlich im Mittelalter verortet. Dass Marsilio Ficino im Auftrag Cosimo de Medicis zuerst als Wesentlichstes das Corpus Hermeticum (daraus im Bild Hermes Trismegistos im Dom zu Siena!) und nicht etwa mathematische Schriften übersetzt hat ist ihnen genau so unbekannt wie sein Name.
Wer diese Zeit kennen lernen will, muss Autoren wie Agrippa von Nettesheim, Trithemius oder Pico della Mirandola lesen. Er wird sich wundern!

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Eton und die Grandes écoles

Großbritannien und Frankreich, Nationen mit traditionell hohem Selbstwertgefühl, haben grundverschiedene Erziehungsphilosophien bezüglich ihrer Eliten. In beiden Ländern weiß man aber, wie wichtig Eliten und ihre Ergänzung sind.
Seit den Tagen der französischen Revolution steht in Frankreich allen Studenten, die das „bac“ erworben haben, der Zugang zum concours (Wettbewerb) offen, wo in fairer Konkurrenz die Studienplätze der Grandes écoles (Elite-Universitäten) vergeben werden. Dieses System der Auswahl durch maximale Anstrengung und Leistung gewährleistet den kontinuierlichen Nachwuchs einer hochqualifizierten Elite. Unbestritten im Land der Erfindung „linker“ Politik wird etwas praktiziert, was in Österreich oder Deutschland von (fast ausschließlich linken) Erziehungswissenschaftlern verabscheut wird.
In England ist es fundamental anders. Eltern, die Geld und Ehrgeiz haben, schicken ihre (kleinen) Kinder in ein Internat (wie etwa das berühmte Eton bei Windsor Castle). Das ist immens teuer, den Kindern wird dort Sport und der Umgangston der regierenden Klasse vermittelt; was man im akademischen Bereich lernt, ist sekundär. Wer „Old Boy“ (Absolvent) von Eton ist, hat es geschafft. Das ist für einen deutschsprachigen Pädagogen natürlich noch schlimmer (Klassengesellschaft!).
Beide Systeme funktionieren hervorragend, beide Nationen sind erfolgreich und verstehen sich als „groß“.
Dieser einfache Vergleich zeigt, dass erfolgreiche Erziehung augenscheinlich ein „lokales“ Phänomen ist. Das bedeutet, dass man Erziehung immer im Kontext der jeweiligen Gesellschaft bewerten muss.

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Lernen und Herrschen

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Menschen werden etwa durch Liebe oder Hass, Lust oder Angst, Gewinnsucht und Neid zu ihren Taten gedrängt. Das ist sattsam bekannt. Aber es gibt noch eine unheimlich mächtige Triebkraft, allgegenwärtig, doch wenig diskutiert. Es ist der Wunsch, von den Menschen der sozialen Umgebung geachtet, geliebt oder zumindest akzeptiert zu werden. Man darf das nicht mit dem sogenannten Gruppendruck verwechseln, der durchaus als extern empfunden wird. Hier aber geht es um Ziele, die als eigenste Wünsche erlebt werden.

Die sozialen Kleinstrukturen („gute oder schlechte Gesellschaft“) sind mächtige Instrumente, sie können Menschen zu ausserordentlichen Taten befähigen. In der Kleingruppe wird soziales Verhalten auf eigenen Wunsch des Individuums (informell) erlernt; extern moralisch bewertet, können das dann Tugenden oder Laster sein.

Damit wird eine evolutionär verständliche Dimension der conditio humana, nämlich der Wunsch nach der Akzeptanz der Bezugsgruppe, zum Schlüssel zur Herrschaft über Menschen.

Daher haben Staaten und Kirchen aller Zeiten und Kulturen immer wieder versucht, die Kontrolle über das soziale Umfeld der Individuen zu gewinnen und zu behalten, sei es zum Guten oder zum Bösen.

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Schule und Lernen

In der öffentlichen Diskussion ist das Thema „Schule“ immer für eine Erregung gut. Unzählige „Experten“ erklären die Welt und wissen es besser, zumindest besser als der Konkurrenzexperte. Nun ist die Organisation Schule tatsächlich eine ewige Baustelle, was der eine aufbaut, reißt der andere nieder. Tatsächlich scheint es so zu sein wie in der Architektur, man kann Häuser höchst unterschiedlich bauen, es sind meist immer noch brauchbare Häuser und irgend jemand hat daran auch Gefallen. Die „wahre“ Architektur gibt es (in einer offenen Gesellschaft) nicht, die Versuchung des „anything goes“ liegt ebenso nahe, wie der Hang zur ideologisch aufgeladenen Endlösung.

Es ist das legitime Interesse eines Staates, dass alle seine BürgerInnen die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens beherrschen und darüber hinaus über sich und die Welt Bescheid wissen. Das ermöglicht ihre aktive Teilnahme am produktiven Leben der Gemeinschaft. Dazu haben zivilisierte Staaten Systeme entwickelt (wodurch sie sich eben als zivilisiert ausweisen), die man gemeinhin „Schulen“ nennt. Sie setzen auf den staatlichen Zwang und organisieren das „Lernen“ so, wie es die jeweilige Gesellschaft für richtig hält.

„Schule“ ist kein Selbstzweck, sondern nur ein Instrument für das „Lernen“. „Lernen“ ist jene magische Tätigkeit, die dem Menschen alle Tore öffnen kann. Lernen kann man im Schulsystem, aber auch neben, nach oder ausserhalb der „Schule“. Im Gegensatz zur Schule ist Lernen nicht notwendig verordnet, es kann auch spontan und selbstbestimmt sein. Damit erschließen sich alle Horizonte des Individuums, der Person.

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