Wurzeln christlicher Gebete in den Sefirot

Im Buch Chronik der Bibel sagt König David (1 Chr 29,11-12):

Dein, Herr, sind Größe und Kraft, Ruhm und Glanz und Hoheit; dein ist alles im Himmel und auf Erden. Herr, dein ist das Königtum. Du erhebst dich als Haupt über alles. 

Reichtum und Ehre kommen von dir; du bist der Herrscher über das All. In deiner Hand liegen Kraft und Stärke; von deiner Hand kommt alle Größe und Macht.

Ausgehend davon entwickelten jüdische Gelehrte des Mittelalters das Konzept des sefirotischen Baumes, in dem die Eigenschaften Gottes als Basis weitgehender Spekulationen  dargestellt werden. Diese Lehre wurde Kabbalah genannt und ist geistesgeschichtlich von grosser Bedeutung.

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Erläuterung (Wikipedia):

  •     Kether  (Krone, erster aufleuchtender Punkt im En Sof)
  •     Chochmah (göttliche Weisheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Schöpfungsplan)
  •     Binah (Wille, Einsicht, Verstand; Intelligenz)
  •     Chesed (Liebe, Barmherzigkeit, Gnade, Gunst, Treue)
  •     Din, Gevurah oder Gebura (Gesetz, Stärke, Macht, Sieg, Gerechtigkeit)
  •     Tiferet (Aufrechterhaltung des Daseins, Pracht, Verherrlichung, Schönheit),
  •     Netzach (Ewigkeit, Beständigkeit, Sieg; Ruhm, Blut, Saft)
  •     Hod (Glanz, Majestät, Donner)
  •     Jesod (Fundament, Gründung, Grund, Grundstein, Grundlage), Josef
  •     Malchuth oder Schechina (Königreich, Herrschaft, königliche Würde, Regierung)       

Interessant ist, dass sich davon mehrere Begriffe in den christlichen Grundgebeten  finden. In der Schlusszeile der aktuellen Fassung des  Vaterunsers steht: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.

כִּי לְךָ הַמַּמְלָכָה וְהַגְּבוּרָה וְהַתִפְאֶרֶת לְעוֹלְמֵי עוֹלָמִים אָמֵן

 Transkribiert: Ke lakha, hamamlakha, vehagevurah, veha tiferet l’olemei ‘olamim.

Also mamlakha für Reich, gevurah für Kraft und tiferet für Herrlichkeit. Mamlakha bedeutet Königreich, entspricht also malchut.

In der zweiten Zeile des Ave Maria: Voll der Gnade..

מלאת  החסד

Wieder transkribiert aus dem Hebräischen: meleat hachesed. Also chesed für Gnade.

Die Wurzeln der christlichen Gebete liegen selbstverständlich in jüdischen Traditionen!

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„Zufall“ in der Physik

Zufällig nennt man gerne Ergebnisse von Handlungen, wenn man sie nicht reproduzieren kann. Man würfelt – augenscheinlich immer in gleicher Weise – aber der Würfel fällt „wie er will“. Zufällig, wie man so sagt.
Im Theoriesystem der klassischen Physik bedeutet das, dass man die Anfangsbedingungen „nicht im Griff hat“, also in den Handbewegungen variiert, ohne das kontrollieren zu können. Der „Zufall“ des Würfelwurfes liegt in den unkontrollierten Bewegungen des Werfers. Sind diese genau bekannt und definiert – durch Einsatz einer präzisen Wurfmaschine – so hört der „Zufall“ auf, die Kausalität wird sichtbar.

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In konsequenter Anwendung dieser Idee führt das zum „Laplaceschen Dämon“ und zur ausnahmslos streng determinierten Welt der positiven Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts.
Die naheliegende Vermutung, dass genau kontrollierte Anfangsbedingungen den „Zufall“ in der klassischen Naturwissenschaft ausschliessen, ist leider falsch. So erfüllt etwa die Zahlenfolge der Dezimalstellen der Zahl π alle Anforderungen, die man an eine zufällige Folge stellen kann, trotzdem ist sie offensichtlich streng kausal erzeugt!
Auch die Bewegungen in einem klassischen mechanischem System (wie es die Himmelsmechanik darstellt), die vollkommen kausal ablaufen, können ein absolut chaotisches Bild liefern, wie Poincare gezeigt hat.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass es Phänomene gibt, die vollkommen zufällig wirken, die aber streng kausal determiniert erzeugt worden sind. Nach Einsteins Ansicht gilt das für alle „zufälligen“ Erscheinungen der Realität.

In der Quantenphysik des zwanzigsten Jahrhunderts änderte sich der Kenntnisstand radikal. So ist es etwa nach dem Durchgang eines Elektrons durch einen Doppelspalt vollkommen unsicher, wo es auf den Nachweisschirm trifft. Wiederholt man den Versuch wieder und immer wieder, so bildet sich am Schirm ein Streifenmuster. An einige Stellen hat man das Elektron oft angetroffen, an anderen selten oder nie. Die genaue Analyse zeigt, dass es für die Wahrscheinlichkeit, das Elektron an einer bestimmten Stelle anzutreffen, keine mathematische Gleichung gibt, wohl aber für die Schrödingersche Psi-Funktion, aus der man dann die Wahrscheinlichkeiten berechnen kann.

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Seit jetzt bald hundert Jahren wurde das immer wieder, allen Einwänden zu Trotz, bestätigt. Das Einzelereignis ist nicht vorhersehbar, es ist in fundamentaler Weise zufällig. Man kann sagen, dass es seine eigene Ursache ist, man kann es „autokausal“ nennen. Nichts in diesem Universum bestimmt des Ort des Elektrons, es gibt dafür nur Wahrscheinlichkeiten.

Auch für den hypothetischen Beginn unseres Universums gibt es keine bestimmende Ursache (wie Hawking betont hat), das ist aber im Licht des Doppelspaltversuchs wenig überraschend. „Autokausale“ Ereignisse sind in der Mikrowelt der Normalfall und die Physik des Anfangs spielt in der Mikrowelt!
Wenn man wie Hawking dann aber aus dem autokausalen Anfang schließt, dass Gott zur Erschaffung der Welt nicht notwendig und daher nicht existent ist, so muss man sich den Vorwurf logischer Purzelbäume gefallen lassen.

Weitaus weiser ist das Zitat von Albert Schweitzer: „Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will“.

Hohenemser Festtafel

In der Residenzgalerie Salzburg wird derzeit (2018) eine Ausstellung zum Thema  Fürsterzbischof Wolf Dietrich  von Raitenau gezeigt. Darunter die Kopie eines Gemäldes von Anthony Bays  „Die  Hohenemser Festtafel“ von 1578. Dieses Bild stellt die gräfliche Familie von Hohenems mit Wolf Dietrich als Kind dar. Interessant daraus für mich ein Ausschnitt:

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Die Dame in der Mitte isst mit Gabel und Messer. Das ist für diese Zeit sehr elegant und exklusiv, der Gebrauch von Gabeln war zu dieser Zeit ungewöhnlich. Darüber hinaus strahlt diese Darstellung den Glanz der Gesellschaft höflicher und gebildeter Damen und Herren aus, wie man ihn in unseren grobianischen Zeiten kaum mehr findet.

Eine Reise von Magiern aus dem Morgenland nach Rom

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Statue équestre de Bahram Gur, Rocher de Taq-e Bostan, Kermanshah, Iran

In langen Verhandlungen hatte man geklärt, dass der parthische Großkönig den armenischen König ernennen konnte, dieser aber dann der römischen Bestätigung bedurfte. Im Jahre 66 reiste also König Tiridates I auf dem Landweg über den Balkan nach Rom, um dort von Kaiser Nero das Diadem zu erhalten. Auf seiner neun Monate dauernden Reise begleitete ihn ein prächtiges Gefolge, darunter 3000 parthische Reiter (wohl auch Panzerreiter – Kataphrakte, die Urbilder unserer Ritter). Tiridates und Verwandte waren auch Magi – zoroastrische Priester. Nach der glanzvollen Huldigungszeremonie kehrte der König auf einem anderen Weg in seine Heimat zurück. Diese Reise beeindruckte die Öffentlichkeit so sehr, dass sie noch heute aus den erhaltenen Texten (darunter auch Cassius Dio) gut rekonstruierbar ist.

Ein Postscriptum zur Bibelübersetzung

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In der Übersetzung von Genesis 1,5 schreibt man  nach Luther :“Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“ während Hieronymus von „dies unus“ (ein Tag) sprach. אֶחָֽד ist aber nach bibelhebräischer Grammatik eine Kardinal- und keine Ordinalzahl, womit Luther und die Einheitsübersetzung irren.

Wäre die Bibelsprache akkadisch, so  würde sich das Thema der Übersetzung von אֶחָֽד in Genesis 1,5  erübrigen. In der akkadischen Sprache gilt nämlich, dass im Fall der Eins die Ordnungszahl und die Kardinalzahl gleichlauten. Damit hätte dann Luther mit seiner Übersetzung genauso recht wie Hieronymus. Wenn nun auch die Endredaktion des Schöpfungsberichts des Elohisten im akkadischsprachigen Babylon (mit seinem Mythos Enūma eliš) erfolgt sein dürfte, so ist doch die Vermutung einer „Grammatik-Assimilation“ sehr exotisch!

Luther kann übrigens vom Akkadischen nichts gewusst haben, es wurde erst im 19. Jahrhundert wieder erschlossen.

 

 

 

Die Tradition des Anachronismus

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In der christlichen bildenden Kunst war es – nicht nur in der naiven Volkskunst – schon immer üblich, historische Ereignisse im zeitgenössischen Kleid darzustellen. Das Hochmittelalter liefert dazu eine wahre Fundgrube von Anachronismen, diese Manier setzt sich in der Renaissance fort und gipfelt im Barock. Die Künstler der Romantik verstanden die Kraft dieser blutvollen Aneignung nicht mehr, kritisierten sie und versuchten Anachronismen zu vermeiden, was meist katastrophal scheiterte, wie auch dann in logischer Fortsetzung der amerikanische Film das Bild der Antike verfehlte.

Das wahrhaft Interessante daran ist die Tatsache, dass Sehgewohnheiten, die sich eingeprägt haben, auch gegen besseres Wissen dominant bleiben. So bleiben antike Statuen und Tempel weiterhin monochrom, auch wenn inzwischen die grelle Buntheit der Originale allgemein bekannt geworden ist. In besonderer Weise gilt das im religiösen Bereich, der seiner Natur nach zur frommen Bewahrung neigt.

Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Darstellung des heiligen Nikolaus von Myra in der Kunst der römischen Kirche. Nikolaus trägt dabei immer eine Bischofsmütze, eine Mitra. Nun muss man wissen, dass die Mitra erst seit dem 12. Jahrhundert üblich wird, Nikolaus aber vor 370 gestorben ist! Trotzdem ist ein Schokolade-Nikolaus ohne Mitra völlig unverkäuflich! Die anachronistische Darstellung ist zur Gewohnheit, also zur Tradition und damit zur normativen Wahrheit geworden.

Dieses Beispiel ist harmlos, es gibt allerdings andere Beispiele mit bedeutenden Konsequenzen. Auch Meinungen, die Produkt einer späteren Zeit waren, wurden in anachronistischer Projektion den kanonischen Anfangsautoritäten zugeschrieben und haben sich dann durch lange Praxis felsenfest eingenistet.

Wie übersetzt man die Bibel?

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In Genesis 1,5 steht (Biblia Hebraica Stuttgartensia, Septuaginta, Vulgata, Luther):

וַיִּקְרָ֨א אֱלֹהִ֤ים׀ לָאֹור֙ יֹ֔ום וְלַחֹ֖שֶׁךְ קָ֣רָא לָ֑יְלָה וַֽיְהִי־עֶ֥רֶב וַֽיְהִי־בֹ֖קֶר יֹ֥ום אֶחָֽד

καὶ ἐκάλεσεν ὁ θεὸς τὸ φῶς ἡμέραν καὶ τὸ σκότος ἐκάλεσεν νύκτα. καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα μία.

appellavitque lucem diem et tenebras noctem factumque est vespere et mane dies unus

und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Im hebräischen, griechischen und lateinischen alten Text steht „Tag eins“ oder „ein Tag“, bei Luther und fast allen neueren Übersetzungen aber „der erste Tag“. Es wird die Kardinalzahl durch die Ordinalzahl ersetzt, was noch dazu logisch erscheint, weil in den alten Texten im Folgenden „der zweite Tag“, „dritte Tag“ usw. steht. Wer autorisiert aber den Übersetzer zu dieser „Verbesserung“? Es ist offenbar der Glaube daran, dass man den schludrigen alten Text korrigieren muss!

Nun sollte aber jedem Fachmann bekannt sein, dass dieser biblische Teil augenscheinlich mit geradezu unheimlicher Präzision  komponiert worden ist. Der Autor wird daher seinen Grund gehabt haben, so und nicht anders zu schreiben. Die Tatsache, dass wir diesen Grund nicht kennen, autorisiert uns nicht dazu diese „Auffälligkeit“ zu glätten! Früher konnte man erwidern, dass der Text „verdorben“ sei, bei heutiger Quellenlage ist dieser Einwand an dieser Stelle Unfug.

Meine Antwort auf die Frage in der Überschrift lautet also: Man übersetze präzise und mit Respekt vor dem Original, auch dann, wenn es nicht einsichtig ist, warum etwas so und nicht anders formuliert wurde.