Die Tradition des Anachronismus

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In der christlichen bildenden Kunst war es – nicht nur in der naiven Volkskunst – schon immer üblich, historische Ereignisse im zeitgenössischen Kleid darzustellen. Das Hochmittelalter liefert dazu eine wahre Fundgrube von Anachronismen, diese Manier setzt sich in der Renaissance fort und gipfelt im Barock. Die Künstler der Romantik verstanden die Kraft dieser blutvollen Aneignung nicht mehr, kritisierten sie und versuchten Anachronismen zu vermeiden, was meist katastrophal scheiterte, wie auch dann in logischer Fortsetzung der amerikanische Film das Bild der Antike verfehlte.

Das wahrhaft Interessante daran ist die Tatsache, dass Sehgewohnheiten, die sich eingeprägt haben, auch gegen besseres Wissen dominant bleiben. So bleiben antike Statuen und Tempel weiterhin monochrom, auch wenn inzwischen die grelle Buntheit der Originale allgemein bekannt geworden ist. In besonderer Weise gilt das im religiösen Bereich, der seiner Natur nach zur frommen Bewahrung neigt.

Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Darstellung des heiligen Nikolaus von Myra in der Kunst der römischen Kirche. Nikolaus trägt dabei immer eine Bischofsmütze, eine Mitra. Nun muss man wissen, dass die Mitra erst seit dem 12. Jahrhundert üblich wird, Nikolaus aber vor 370 gestorben ist! Trotzdem ist ein Schokolade-Nikolaus ohne Mitra völlig unverkäuflich! Die anachronistische Darstellung ist zur Gewohnheit, also zur Tradition und damit zur normativen Wahrheit geworden.

Dieses Beispiel ist harmlos, es gibt allerdings andere Beispiele mit bedeutenden Konsequenzen. Auch Meinungen, die Produkt einer späteren Zeit waren, wurden in anachronistischer Projektion den kanonischen Anfangsautoritäten zugeschrieben und haben sich dann durch lange Praxis felsenfest eingenistet.

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