Wie übersetzt man die Bibel?

In Genesis 1,5 steht (Biblia Hebraica Stuttgartensia, Septuaginta, Vulgata, Luther):

וַיִּקְרָ֨א אֱלֹהִ֤ים׀ לָאֹור֙ יֹ֔ום וְלַחֹ֖שֶׁךְ קָ֣רָא לָ֑יְלָה וַֽיְהִי־עֶ֥רֶב וַֽיְהִי־בֹ֖קֶר יֹ֥ום אֶחָֽד

καὶ ἐκάλεσεν ὁ θεὸς τὸ φῶς ἡμέραν καὶ τὸ σκότος ἐκάλεσεν νύκτα. καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα μία.

appellavitque lucem diem et tenebras noctem factumque est vespere et mane dies unus

und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Im hebräischen, griechischen und lateinischen alten Text steht „Tag eins“ oder „ein Tag“, bei Luther und fast allen neueren Übersetzungen aber „der erste Tag“. Es wird die Kardinalzahl durch die Ordinalzahl ersetzt, was noch dazu logisch erscheint, weil in den alten Texten im Folgenden „der zweite Tag“, „dritte Tag“ usw. steht. Wer autorisiert aber den Übersetzer zu dieser „Verbesserung“? Es ist offenbar der Glaube daran, dass man den schludrigen alten Text korrigieren muss!

Nun sollte aber jedem Fachmann bekannt sein, dass dieser biblische Teil augenscheinlich mit geradezu unheimlicher Präzision  komponiert worden ist. Der Autor wird daher seinen Grund gehabt haben, so und nicht anders zu schreiben. Die Tatsache, dass wir diesen Grund nicht kennen, autorisiert uns nicht dazu diese „Auffälligkeit“ zu glätten! Früher konnte man erwidern, dass der Text „verdorben“ sei, bei heutiger Quellenlage ist dieser Einwand an dieser Stelle Unfug.

Meine Antwort auf die Frage in der Überschrift lautet also: Man übersetze präzise und mit Respekt vor dem Original, auch dann, wenn es nicht einsichtig ist, warum etwas so und nicht anders formuliert wurde.

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