Bergpredigt

Pinchas Lapide hat immer wieder erklärt, dass rabbinische Texte nicht, wie es gerne griechische Philosophen tun, allgemein gültige Weisheiten verkünden, sie sind dagegen immer auf den Einzelfall bezogen, also konkret und spezifisch. Die allgemeine Lehre dahinter zu finden ist dem Leser überlassen!

Nach dem österreichischen Judaisten Kurt Schubert ist daher die Bergpredigt im politischen und sozialen Kontext ihrer Zeit zu lesen: Das Land ist von der Großmacht Rom besetzt und total kontrolliert, ausgebeutet und gedemütigt. Schubert hat dabei wohl auch an seine Wiener Heimat gedacht, entrechtet zuerst durch die deutschen Nazi, dann durch die sowjetische Besatzungsmacht.
So klingt in der Bergpredigt so etwas wie eine Verhaltensregel gegenüber tyrannischen Besetzern an, bei denen Widerstand zwecklos und selbstmörderisch wäre.

Matth. 5,38-41
38 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: »Auge um Auge und Zahn um Zahn!«
39 Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar;
40 und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Hemd nehmen will, dem laß auch den Mantel;
41 und wenn dich jemand nötigt, eine Meile weit zu gehen, so geh mit ihm zwei.

In den Seligpreisungen werden die glücklich genannt, die (jetzt!) vollkommen arm sind. So arm, dass sie nicht nur nichts haben, sondern auch nichts tun und nichts glauben, hoffen oder sogar beten können (Anawim עֲנָוִים ). Das (scheinbare) Paradoxon, dass diejenigen „selig“ sind, die arm, hungrig und traurig sind, wird durch die Heilszusage Gottes gerade an sie (und nur an sie, denn die Besitzenden sind Kollaborateure der Besatzungsmacht!) aufgelöst. Es ist für diese Hoffnungslosen ein großer Trost, dass Jesus ihnen eine helle Zukunft zusagt.

Ist das jetzt im Sinn jüdischer Apokalyptik (Michael Becker, Markus Öhler) die Zusage eines endzeitlichen Eingriff Gottes, der das Schicksal des geknechteten Israel wendet und die römische Gewaltherrschaft beendet? Oder ist das eine für alle Zeiten gültige sozialkritische Heilszusage an Mittellose, welcher Art auch immer?
Das steht nicht im Text! Es ist Aufgabe des Lesers seine Schlüsse zu ziehen. In der katholischen Kirche hat das Lehramt dem Gläubigen diese schwierige Aufgabe abgenommen, sie liefert ihm die Antwort(en), er kann sie lieben oder auch nicht.

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