Wissen und Handeln

Wer die Newtonsche Mechanik kennt, insbesonders das Verhalten von Kreiseln, der kann daraus die Prinzipien des Radfahrens theoretisch herleiten. Trotzdem kann er damit nicht wirklich radfahren. Umgekehrt gilt, Millionen fahren Rad, ohne je von Newton gehört zu haben. Augenscheinlich geht es hier um zwei inhaltlich zuordenbare Bereiche, deren Beherrschung aber jeweils separat erworben werden muss.

Ähnliches gilt für das Erlernen der Mathematik, etwa eines Algorithmus, dessen Prinzipien „bewiesen“ (aus den Axiomen hergeleitet) werden. Der Gebrauch des Algorithmus (das „Rechnen“) ist aber eine genuin prozedurale Technik, die im Gebrauch erlernt und durch den Gebrauch legitimiert wird. Wer den Beweis kennt, beherrscht deswegen noch lange nicht die Technik des Algorithmus, wer aber „rechnet“, braucht dagegen den Beweis nicht zu kennen.

Diese Tatsachen folgen aus der Natur des Menschen, so ist sein kognitiver Apparat eben aufgebaut. Es sollte daher nicht verwundern, dass das für Ethik und Religion genau so gilt. Wer z.B.: die Grundsätze der katholischen Religion kennt, ja sogar wer im eigentlichen Sinn „glaubt“, muss deswegen nicht notwendig „gut“ in diesem Sinn handeln. Das richtige Handeln ist eine „Tugend“, die als solche spezifisch gelernt und geübt werden muss, das Handeln folgt zwar logisch aus dem „Glauben“, aber nicht in der Lebenspraxis.

Leider wurde die Einübung der Tugenden im Religions- und Ethik-Unterricht in den vergangenen Jahrzehnten vergessen, man glaubte, dass das ethische Handeln sich aus der vermittelten Einsicht notwendig ergeben werde. Hier wurde ein nicht ganz verstandener Immanuel Kant der frommen Erfahrung vieler Jahrhunderte vorgezogen.

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