Die Zerstörung der islamischen Kultur

ʿIlm al-Kalām (‏علم الكلام‎ Kalām-Wissenschaft) nannten die Mutakallimūn ihre Argumentationslehre. In Basra und Bagdad wurde zur Zeit der abbasidischen Kalifen das Erbe der griechischen Antike übersetzt und rezipiert. Konzepte des Kalām hatten Einfluss auf islamische Philosophen wie Ibn Sina (Avicenna) und Ibn Ruschd (Averroës). Diese Blüte islamischer Kultur strahlte über Andalusien – auch durch jüdische Philosophen, wie Maimonides – Begriffe und Argumente des Kalam  in die westliche  Philosophie aus.

In der islamischen Theologie zur Zeit der Abbasiden war die Muʿtazila (arabisch ‏المعتزلة‎ ‚die sich Absetzenden‘) von großer Bedeutung. Von der griechischen Philosophie beeinflusst war der Kalām als Form des religiösen Streitgesprächs mit rationalen Argumenten ihr methodisches Werkzeug. Mit der Machtübernahme durch die sunnitischen Seldschuken endete nach 1055 die Unterstützung für die Muʿtazila. Die muʿtazilitische Theologie wurde später nur mehr in schiitischen Kreisen, insbesondere bei den jemenitischen Zaiditen, weiter gepflegt. Im scharfen Gegensatz zur Muʿtazila gewann die salafistische und später wahhabitische Lesart des Islam die Oberhand. Damit endete der Glanz der islamischen Geisteswelt.

Analog zum reaktionären Salafismus kann man durchaus Bewegungen wie die byzantinischen Ikonoklasten, die protestantischen und puritanischen Fanatiker, die Kirchenschänder der französischen Revolution oder die chinesische Kulturrevolution sehen. Radikaler Fundamentalismus ist immer und überall kulturfeindlich und aggressiv.Wenn heute Saudi – Arabien die Huthi bombardiert, sollte man sich erinnern, dass hier Wahhabiten Bomben auf schiitische Zaiditen werfen.

Der ägyptische Gelehrte Ahmad Amin (1886 – 1954) beurteilte die langfristige geschichtliche Entwicklung wie folgt: „Die Zurückweisung der Muʿtazila war das größte Unglück, das die Muslime traf. Sie haben damit ein Verbrechen gegen sich selbst verübt“

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