Wie übersetzt man die Bibel?

In Genesis 1,5 steht (Biblia Hebraica Stuttgartensia, Septuaginta, Vulgata, Luther):

וַיִּקְרָ֨א אֱלֹהִ֤ים׀ לָאֹור֙ יֹ֔ום וְלַחֹ֖שֶׁךְ קָ֣רָא לָ֑יְלָה וַֽיְהִי־עֶ֥רֶב וַֽיְהִי־בֹ֖קֶר יֹ֥ום אֶחָֽד

καὶ ἐκάλεσεν ὁ θεὸς τὸ φῶς ἡμέραν καὶ τὸ σκότος ἐκάλεσεν νύκτα. καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα μία.

appellavitque lucem diem et tenebras noctem factumque est vespere et mane dies unus

und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Im hebräischen, griechischen und lateinischen alten Text steht „Tag eins“ oder „ein Tag“, bei Luther und fast allen neueren Übersetzungen aber „der erste Tag“. Es wird die Kardinalzahl durch die Ordinalzahl ersetzt, was noch dazu logisch erscheint, weil in den alten Texten im Folgenden „der zweite Tag“, „dritte Tag“ usw. steht. Wer autorisiert aber den Übersetzer zu dieser „Verbesserung“? Es ist offenbar der Glaube daran, dass man den schludrigen alten Text korrigieren muss!

Nun sollte aber jedem Fachmann bekannt sein, dass dieser biblische Teil augenscheinlich mit geradezu unheimlicher Präzision  komponiert worden ist. Der Autor wird daher seinen Grund gehabt haben, so und nicht anders zu schreiben. Die Tatsache, dass wir diesen Grund nicht kennen, autorisiert uns nicht dazu diese „Auffälligkeit“ zu glätten! Früher konnte man erwidern, dass der Text „verdorben“ sei, bei heutiger Quellenlage ist dieser Einwand an dieser Stelle Unfug.

Meine Antwort auf die Frage in der Überschrift lautet also: Man übersetze präzise und mit Respekt vor dem Original, auch dann, wenn es nicht einsichtig ist, warum etwas so und nicht anders formuliert wurde.

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Wer kennt Lavinia und Sofonisba?

Papst Gregor XIII und König Philipp II von Spanien, Partner beim Sieg von Lepanto wurden von den bedeutendsten Künstlern ihrer Zeit porträtiert. Das Bild Gregors in der Wikipedia stammt von Lavinia Fontana, das Bild Philipps von Sofonisba Anguissola. Sollten sie diese Künstlerinnen kennen, so darf ich ihnen zu ihrer ausgezeichneten und vorurteilsfreien Bildung herzlich gratulieren, wir anderen wurden Opfer des misogynen Kunstklüngels der letzten Jahrhunderte.

Ausgezeichnet passt dazu, dass in der monumentalen Time-Life Serie „Die Welt der Kunst“ noch 1977 zwar Orazio Gentileschi, aber nicht seine – zu ihrer Zeit weit bekanntere – Tochter Artemisia erwähnt wurde.

Während die Herrscher des 16. Jahrhunderts augenscheinlich über eigenständigen Kunstgeschmack verfügten, so haben die Kunsthistoriker seit der Romantik, die die Kunst zum Religionsersatz stilisierten, Frauen ganz im Sinne Schopenhauers eliminiert. Das 19. Jahrhundert glaubte zu wissen, dass Frauen zu höherer Kultur aktiv und passiv unfähig seien. Was für ein Skandal, dass das noch immer tradiert wird. Wie schön, dass sich in der Wikipedia neue und gerechte Ansätze finden lassen.

 

Ist Gott tot?

Warum ein Philosoph glauben will, dass Gott tot sei:

weil er seine Freiheit nicht durch eine übergeordnete Macht eingeschränkt sehen will
weil er die augenscheinliche Unverfügbarkeit Gottes als dessen Abwesenheit deutet
weil er glaubt, dass der Lauf der Welt jeglichen Sinns entbehre
weil er glaubt Gott die Schande Auschwitz ersparen zu müssen
weil er Christus, der ihm begegnet ist, nicht erkannt hat

Was ist bildende Kunst?

Bekanntlich gibt es in unserem Kulturraum derzeit keine allgemein akzeptierte Definition von bildender Kunst, was gegenüber einer belastenden Vergangenheit durchaus etwas Tröstliches hat.
Pragmatisch kann man sagen, dass Kunst heute das ist, was im Kunsthandel und den Medien als solche gezeigt wird. Kunst ist also augenscheinlich ein soziologisch und ökonomisch bestimmtes Phänomen.
Ein Hammer mit Preiszettel in einem Baumarkt ist ein Gebrauchsgegenstand, ein Hammer in einer Galerie kann heute und hier ein Kunstwerk sein, wenn er als solches beschriftet ist. Bei mangelnder Präsentation im Museum ist es daher bereits mehrfach vorgekommen, dass das Kunstwerk (etwa von Joseph Heinrich Beuys) bei der täglichen Reinigung entsorgt wird.

Was unterscheidet also (seit Marcel Duchamp, 1917) den Gebrauchsgegenstand vom Kunstwerk? Augenscheinlich ist es das definierende Umfeld!
In der Sprache der aristotelischen Philosophie ist das Kunstwerk in unserem Kontext also nicht durch seine „Akzidenz“, sondern durch seine „Substanz“ als solches erkennbar. Man kann einem Objekt nicht ansehen, ob es Kunst im modernen Sinn ist, es ist eine Sache der normativen Definition!
Allerdings kann man in einem zweiten Schritt dann fragen, nach welchen Kriterien die normativen Definierer vorgehen. Gibt es jenseits des Kommerzes und allfälliger verschwörungstheoretisch relevanter Ideologien auch „reine“ (intrinsische) Motive?
Ein Diskussionsansatz könnte dazu die Definition der Bildhauerei von Tony Cragg sein:

Sie sei eine seltene Nutzung von Material, frei von Funktion. Die Künstler geben dem Material erst „eine Bedeutung und auch einen Sinn“ (Eröffnung der Ausstellung „Die Bildhauer in der Kunstsammlung NRW, 2013)

Bergpredigt

Pinchas Lapide hat immer wieder erklärt, dass rabbinische Texte nicht, wie es gerne griechische Philosophen tun, allgemein gültige Weisheiten verkünden, sie sind dagegen immer auf den Einzelfall bezogen, also konkret und spezifisch. Die allgemeine Lehre dahinter zu finden ist dem Leser überlassen!

Nach dem österreichischen Judaisten Kurt Schubert ist daher die Bergpredigt im politischen und sozialen Kontext ihrer Zeit zu lesen: Das Land ist von der Großmacht Rom besetzt und total kontrolliert, ausgebeutet und gedemütigt. Schubert hat dabei wohl auch an seine Wiener Heimat gedacht, entrechtet zuerst durch die deutschen Nazi, dann durch die sowjetische Besatzungsmacht.
So klingt in der Bergpredigt so etwas wie eine Verhaltensregel gegenüber tyrannischen Besetzern an, bei denen Widerstand zwecklos und selbstmörderisch wäre.

Matth. 5,38-41
38 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: »Auge um Auge und Zahn um Zahn!«
39 Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar;
40 und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Hemd nehmen will, dem laß auch den Mantel;
41 und wenn dich jemand nötigt, eine Meile weit zu gehen, so geh mit ihm zwei.

In den Seligpreisungen werden die glücklich genannt, die (jetzt!) vollkommen arm sind. So arm, dass sie nicht nur nichts haben, sondern auch nichts tun und nichts glauben, hoffen oder sogar beten können (Anawim עֲנָוִים ). Das (scheinbare) Paradoxon, dass diejenigen „selig“ sind, die arm, hungrig und traurig sind, wird durch die Heilszusage Gottes gerade an sie (und nur an sie, denn die Besitzenden sind Kollaborateure der Besatzungsmacht!) aufgelöst. Es ist für diese Hoffnungslosen ein großer Trost, dass Jesus ihnen eine helle Zukunft zusagt.

Ist das jetzt im Sinn jüdischer Apokalyptik (Michael Becker, Markus Öhler) die Zusage eines endzeitlichen Eingriff Gottes, der das Schicksal des geknechteten Israel wendet und die römische Gewaltherrschaft beendet? Oder ist das eine für alle Zeiten gültige sozialkritische Heilszusage an Mittellose, welcher Art auch immer?
Das steht nicht im Text! Es ist Aufgabe des Lesers seine Schlüsse zu ziehen. In der katholischen Kirche hat das Lehramt dem Gläubigen diese schwierige Aufgabe abgenommen, sie liefert ihm die Antwort(en), er kann sie lieben oder auch nicht.

Ritter und Adel

Das Verhältnis zwischen den Gruppen „Adel“ und „Ritter“ ist und war immer kompliziert. Es gibt dazu eine reichhaltige Literatur. Hier soll am Beispiel der Ritter vom heiligen Grab etwas dazu beigetragen werden.
Die zahlreichen Behauptungen über Stand und Privilegien der Grabesritter sind differenziert zu beurteilen. Da ihr Ursprung im Spätmittelalter zu suchen ist, muss man sich zuerst die soziale Stellung eines Grabesritters im fünfzehnten Jahrhundert vergegenwärtigen. Damals erhielten hohe und höchste Standespersonen (z.B.: Herzog Ernst der Eiserne, Kaiser Friedrich III) den Ritterschlag am Heiligen Grab (während die Ritter des Hospitals vom Heiligen Johannes – die später so genannten Malteser – durchwegs die dritt- oder viertgeborenen Söhne adliger Familien mit begrenztem Vermögen waren). Der Ritterschlag in Jerusalem war ein teurer Höhepunkt im Leben eines frommen Fürsten, der etwa Ottheinrich von der Pfalz ein Jahreseinkommen kostete und kein (allerdings lebensgefährlicher und frommer) Beruf zum Lebensunterhalt, wie der Ritterstand beim Hospital vom Heiligen Johannes.

Der darin sichtbare hohe Stellenwert des Ritterschlages am Heiligen Grab wurde damit illustriert, dass zeitgenössische Autoren (etwa Felix Fabri) viele Vorrechte eines Grabesritters auflisteten. Vorrechte, die  eine hohe Standesperson natürlich auch durchsetzen konnte. (Man vergleiche damit die Geschichte des Privilegium maius, das das Haus Habsburg mit Hilfe einer gefälschten Urkunde beanspruchte und schließlich durch politische Macht durchsetzte).
Diese Privilegien und Vorrechte eines Ritters vom heiligen Grab wurden kodifiziert und mit dem Titel eines päpstlichen Comes Palatinus Lateranense verbunden, da der Ritterschlag am Heiligen Grab ursprünglich ein  autonomer Akt hochadliger Personen und damit außerhalb des päpstlichen Rechtes angesiedelt war.

In der italienischen Ausgabe der Wikipedia wird zum Stichwort „Ordine equestre del Santo Sepolcro di Gerusalemme“ ausgeführt, dass den Rittern Titel und Privilegien eines Conte palatino zukamen.

Questa tradizione è confermata, tra gli altri, dal Bascapé (G. Bascapè, „Gli ordini cavallereschi in Italia“, Milano, 1972 et G. Bascapè, „Gli ordini cavallereschi in Italia, storia e diritto“, Milano 1992), il quale, afferma: „I maggiori privilegi annessi alla dignità equestre del Santo Sepolcro consistono, secondo la tradizione, nel nobilitare il cavaliere – qualora esso non fosse stato nobile – e nel conferirgli il titolo ed i privilegi di conte palatino (o del Sacro palazzo lateranense) come per i cavalieri pontifici dello Speron d’oro“. È pur vero che i cavalieri del Santo Sepolcro erano, di diritto, conti palatini; basti ricordare le lapidi sepolcrali di Guarino de Berte (1470) e di Pietro de Steven (1568) in S. Martino e S. Pietro de Lilla, dove sono chiamati cavalieri gerosolimitani del Santo Sepolcro e conti palatini del Sacro palazzo lateranense. Gli antichi giureconsulti dicevano: „Militia nobilitat ut quisque est miles, continuo est nobilis“. Anche il La Roque scrive che una delle primitive forme di nobiltà consiste nel fatto di armare cavaliere colui che si vuole nobilitare. A conferma lo storico riporta una lunga serie di bolle e di brevi nei quali la Santa Sede si rivolge ai cavalieri del Santo Sepolcro con il titolo di „comes“.

Interessant ist in diesem Text  die Feststellung „Militia nobilitat„, was bedeutet, dass durch den Ritterschlag eine Erhebung in den Adelsstand bewirkt wird. Im „Handbuch der Geschichte und Verfassung aller blühenden Ritterorden„, herausgegeben von Ludwig KUHN, Wien 1811 ist zu lesen:
Jeder Ordensritter, wenn er auch nicht adeligen Standes ist, hat dennoch adeligen Rang.
Hier wird sorgfältig zwischen dem staatsrechtlichen Ritterstand (etwa Mitglied der lokalen Parlamente) und dem gesellschaftlichen Ansehen unterschieden. Ein schönes Beispiel dafür ist der berühmte Komponist Christoph Willibald Ritter von Gluck, der als päpstlicher Ritter seinen Titel unangefochten führte, aber im österreichischen Staatsrecht keine privilegierte Position hatte. Er besaß adeligen Rang (gesellschaftliches Ansehen), aber keinen adeligen Stand (staatsrechtliche Position).

Ein Bündel ritterlicher Ehren

Das Epitaph des Heinrich Ketzel an der Sebalduskirche in Nürnberg (1453) zeigt ein interessantes Phänomen der Ritterschaft vom heiligen Grab. Viele Grabesritter waren auch Ritter anderer Gesellschaften, wie auch hier im Relief dargestellt:

  • Aragonesischer Kannenorden ( Orden de la Jarra y el Grifo)
  • Orden vom heiligen Grab
  • Katharinenorden
  • Schwertorden von Zypern

Den Titel des Grabesritter erwarb man bekanntlich durch den Ritterschlag in der Grabeskirche von Jerusalem, das Rad der heiligen Katharina durfte man als ritterliches Symbol führen, wenn man die Katharinenkapelle in Bethlehem (halbes Rad) und dann das Katharinenkloster im Sinai besucht hatte (ganzes Rad). Besuchte man auf der Rückreise von Jerusalem den König auf Zypern, so konnte man als Hofehre den Schwertorden erhalten.

Schwierig aufzuklären ist die durchaus häufige Mitgliedschaft im aragonesischen Kannenorden. Er hätte am Hof des Königs beider Sizilien in Neapel oder in Spanien selbst verliehen werden können, was bei den meisten Jerusalempilgern aber auszuschließen ist. Wahrscheinlicher ist wohl die Verleihung durch den römischen Kaiser!

Abschließend kann man wohl sagen, dass Frömmigkeit und der Wunsch nach sozialer Anerkennung immer schon ein wichtiges Motiv menschlichen Handelns bildeten und manchmal auch heute noch bilden.