Ist Gott tot?

Warum ein Philosoph glauben will, dass Gott tot sei:

weil er seine Freiheit nicht durch eine übergeordnete Macht eingeschränkt sehen will
weil er die augenscheinliche Unverfügbarkeit Gottes als dessen Abwesenheit deutet
weil er glaubt, dass der Lauf der Welt jeglichen Sinns entbehre
weil er glaubt Gott die Schande Auschwitz ersparen zu müssen
weil er Christus, der ihm begegnet ist, nicht erkannt hat

Was ist bildende Kunst?

Bekanntlich gibt es in unserem Kulturraum derzeit keine allgemein akzeptierte Definition von bildender Kunst, was gegenüber einer belastenden Vergangenheit durchaus etwas Tröstliches hat.
Pragmatisch kann man sagen, dass Kunst heute das ist, was im Kunsthandel und den Medien als solche gezeigt wird. Kunst ist also augenscheinlich ein soziologisch und ökonomisch bestimmtes Phänomen.
Ein Hammer mit Preiszettel in einem Baumarkt ist ein Gebrauchsgegenstand, ein Hammer in einer Galerie kann heute und hier ein Kunstwerk sein, wenn er als solches beschriftet ist. Bei mangelnder Präsentation im Museum ist es daher bereits mehrfach vorgekommen, dass das Kunstwerk (etwa von Joseph Heinrich Beuys) bei der täglichen Reinigung entsorgt wird.

Was unterscheidet also (seit Marcel Duchamp, 1917) den Gebrauchsgegenstand vom Kunstwerk? Augenscheinlich ist es das definierende Umfeld!
In der Sprache der aristotelischen Philosophie ist das Kunstwerk in unserem Kontext also nicht durch seine „Akzidenz“, sondern durch seine „Substanz“ als solches erkennbar. Man kann einem Objekt nicht ansehen, ob es Kunst im modernen Sinn ist, es ist eine Sache der normativen Definition!
Allerdings kann man in einem zweiten Schritt dann fragen, nach welchen Kriterien die normativen Definierer vorgehen. Gibt es jenseits des Kommerzes und allfälliger verschwörungstheoretisch relevanter Ideologien auch „reine“ (intrinsische) Motive?
Ein Diskussionsansatz könnte dazu die Definition der Bildhauerei von Tony Cragg sein:

Sie sei eine seltene Nutzung von Material, frei von Funktion. Die Künstler geben dem Material erst „eine Bedeutung und auch einen Sinn“ (Eröffnung der Ausstellung „Die Bildhauer in der Kunstsammlung NRW, 2013)

Bergpredigt

Pinchas Lapide hat immer wieder erklärt, dass rabbinische Texte nicht, wie es gerne griechische Philosophen tun, allgemein gültige Weisheiten verkünden, sie sind dagegen immer auf den Einzelfall bezogen, also konkret und spezifisch. Die allgemeine Lehre dahinter zu finden ist dem Leser überlassen!

Nach dem österreichischen Judaisten Kurt Schubert ist daher die Bergpredigt im politischen und sozialen Kontext ihrer Zeit zu lesen: Das Land ist von der Großmacht Rom besetzt und total kontrolliert, ausgebeutet und gedemütigt. Schubert hat dabei wohl auch an seine Wiener Heimat gedacht, entrechtet zuerst durch die deutschen Nazi, dann durch die sowjetische Besatzungsmacht.
So klingt in der Bergpredigt so etwas wie eine Verhaltensregel gegenüber tyrannischen Besetzern an, bei denen Widerstand zwecklos und selbstmörderisch wäre.

Matth. 5,38-41
38 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: »Auge um Auge und Zahn um Zahn!«
39 Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar;
40 und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Hemd nehmen will, dem laß auch den Mantel;
41 und wenn dich jemand nötigt, eine Meile weit zu gehen, so geh mit ihm zwei.

In den Seligpreisungen werden die glücklich genannt, die (jetzt!) vollkommen arm sind. So arm, dass sie nicht nur nichts haben, sondern auch nichts tun und nichts glauben, hoffen oder sogar beten können (Anawim עֲנָוִים ). Das (scheinbare) Paradoxon, dass diejenigen „selig“ sind, die arm, hungrig und traurig sind, wird durch die Heilszusage Gottes gerade an sie (und nur an sie, denn die Besitzenden sind Kollaborateure der Besatzungsmacht!) aufgelöst. Es ist für diese Hoffnungslosen ein großer Trost, dass Jesus ihnen eine helle Zukunft zusagt.

Ist das jetzt im Sinn jüdischer Apokalyptik (Michael Becker, Markus Öhler) die Zusage eines endzeitlichen Eingriff Gottes, der das Schicksal des geknechteten Israel wendet und die römische Gewaltherrschaft beendet? Oder ist das eine für alle Zeiten gültige sozialkritische Heilszusage an Mittellose, welcher Art auch immer?
Das steht nicht im Text! Es ist Aufgabe des Lesers seine Schlüsse zu ziehen. In der katholischen Kirche hat das Lehramt dem Gläubigen diese schwierige Aufgabe abgenommen, sie liefert ihm die Antwort(en), er kann sie lieben oder auch nicht.

Ritter und Adel

Das Verhältnis zwischen den Gruppen „Adel“ und „Ritter“ ist und war immer kompliziert. Es gibt dazu eine reichhaltige Literatur. Hier soll am Beispiel der Ritter vom heiligen Grab etwas dazu beigetragen werden.
Die zahlreichen Behauptungen über Stand und Privilegien der Grabesritter sind differenziert zu beurteilen. Da ihr Ursprung im Spätmittelalter zu suchen ist, muss man sich zuerst die soziale Stellung eines Grabesritters im fünfzehnten Jahrhundert vergegenwärtigen. Damals erhielten hohe und höchste Standespersonen (z.B.: Herzog Ernst der Eiserne, Kaiser Friedrich III) den Ritterschlag am Heiligen Grab (während die Ritter des Hospitals vom Heiligen Johannes – die später so genannten Malteser – durchwegs die dritt- oder viertgeborenen Söhne adliger Familien mit begrenztem Vermögen waren). Der Ritterschlag in Jerusalem war ein teurer Höhepunkt im Leben eines frommen Fürsten, der etwa Ottheinrich von der Pfalz ein Jahreseinkommen kostete und kein (allerdings lebensgefährlicher und frommer) Beruf zum Lebensunterhalt, wie der Ritterstand beim Hospital vom Heiligen Johannes.

Der darin sichtbare hohe Stellenwert des Ritterschlages am Heiligen Grab wurde damit illustriert, dass zeitgenössische Autoren (etwa Felix Fabri) viele Vorrechte eines Grabesritters auflisteten. Vorrechte, die  eine hohe Standesperson natürlich auch durchsetzen konnte. (Man vergleiche damit die Geschichte des Privilegium maius, das das Haus Habsburg mit Hilfe einer gefälschten Urkunde beanspruchte und schließlich durch politische Macht durchsetzte).
Diese Privilegien und Vorrechte eines Ritters vom heiligen Grab wurden kodifiziert und mit dem Titel eines päpstlichen Comes Palatinus Lateranense verbunden, da der Ritterschlag am Heiligen Grab ursprünglich ein  autonomer Akt hochadliger Personen und damit außerhalb des päpstlichen Rechtes angesiedelt war.

In der italienischen Ausgabe der Wikipedia wird zum Stichwort „Ordine equestre del Santo Sepolcro di Gerusalemme“ ausgeführt, dass den Rittern Titel und Privilegien eines Conte palatino zukamen.

Questa tradizione è confermata, tra gli altri, dal Bascapé (G. Bascapè, „Gli ordini cavallereschi in Italia“, Milano, 1972 et G. Bascapè, „Gli ordini cavallereschi in Italia, storia e diritto“, Milano 1992), il quale, afferma: „I maggiori privilegi annessi alla dignità equestre del Santo Sepolcro consistono, secondo la tradizione, nel nobilitare il cavaliere – qualora esso non fosse stato nobile – e nel conferirgli il titolo ed i privilegi di conte palatino (o del Sacro palazzo lateranense) come per i cavalieri pontifici dello Speron d’oro“. È pur vero che i cavalieri del Santo Sepolcro erano, di diritto, conti palatini; basti ricordare le lapidi sepolcrali di Guarino de Berte (1470) e di Pietro de Steven (1568) in S. Martino e S. Pietro de Lilla, dove sono chiamati cavalieri gerosolimitani del Santo Sepolcro e conti palatini del Sacro palazzo lateranense. Gli antichi giureconsulti dicevano: „Militia nobilitat ut quisque est miles, continuo est nobilis“. Anche il La Roque scrive che una delle primitive forme di nobiltà consiste nel fatto di armare cavaliere colui che si vuole nobilitare. A conferma lo storico riporta una lunga serie di bolle e di brevi nei quali la Santa Sede si rivolge ai cavalieri del Santo Sepolcro con il titolo di „comes“.

Interessant ist in diesem Text  die Feststellung „Militia nobilitat„, was bedeutet, dass durch den Ritterschlag eine Erhebung in den Adelsstand bewirkt wird. Im „Handbuch der Geschichte und Verfassung aller blühenden Ritterorden„, herausgegeben von Ludwig KUHN, Wien 1811 ist zu lesen:
Jeder Ordensritter, wenn er auch nicht adeligen Standes ist, hat dennoch adeligen Rang.
Hier wird sorgfältig zwischen dem staatsrechtlichen Ritterstand (etwa Mitglied der lokalen Parlamente) und dem gesellschaftlichen Ansehen unterschieden. Ein schönes Beispiel dafür ist der berühmte Komponist Christoph Willibald Ritter von Gluck, der als päpstlicher Ritter seinen Titel unangefochten führte, aber im österreichischen Staatsrecht keine privilegierte Position hatte. Er besaß adeligen Rang (gesellschaftliches Ansehen), aber keinen adeligen Stand (staatsrechtliche Position).

Ein Bündel ritterlicher Ehren

Das Epitaph des Heinrich Ketzel an der Sebalduskirche in Nürnberg (1453) zeigt ein interessantes Phänomen der Ritterschaft vom heiligen Grab. Viele Grabesritter waren auch Ritter anderer Gesellschaften, wie auch hier im Relief dargestellt:

  • Aragonesischer Kannenorden ( Orden de la Jarra y el Grifo)
  • Orden vom heiligen Grab
  • Katharinenorden
  • Schwertorden von Zypern

Den Titel des Grabesritter erwarb man bekanntlich durch den Ritterschlag in der Grabeskirche von Jerusalem, das Rad der heiligen Katharina durfte man als ritterliches Symbol führen, wenn man die Katharinenkapelle in Bethlehem (halbes Rad) und dann das Katharinenkloster im Sinai besucht hatte (ganzes Rad). Besuchte man auf der Rückreise von Jerusalem den König auf Zypern, so konnte man als Hofehre den Schwertorden erhalten.

Schwierig aufzuklären ist die durchaus häufige Mitgliedschaft im aragonesischen Kannenorden. Er hätte am Hof des Königs beider Sizilien in Neapel oder in Spanien selbst verliehen werden können, was bei den meisten Jerusalempilgern aber auszuschließen ist. Wahrscheinlicher ist wohl die Verleihung durch den römischen Kaiser!

Abschließend kann man wohl sagen, dass Frömmigkeit und der Wunsch nach sozialer Anerkennung immer schon ein wichtiges Motiv menschlichen Handelns bildeten und manchmal auch heute noch bilden.

Anathema

Ich möchte hier nicht die historische Entwicklung des Gebrauchs des „anathema sit“ (ἀνάϑεμα ἔστω) in der römischen Kirche darstellen. Das ist zwar verlockend, weil es von Paulus bis zum Vaticanum II geht, also von der (potentiell tödlichen) Ausgrenzung bis hin zum Verzicht auf dieses Instrument.
Vielmehr möchte ich, anknüpfend an die Verwendung in der Orthodoxie, eine Empfehlung für die Führung rationaler Diskussionen geben. Bekanntlich verwendet die Ostkirche das „anathema“ (sprachlich sicher korrekt) nicht als Verfluchung, sondern der davon Betroffene wird außerhalb der Kirche sich selbst überlassen.

Jeder Teinehmer an einem Streitgespräch mag es erlebt haben, dass Argumente verwendet werden, die im logischen Sinn keine sind und sich damit dem rationalen Diskurs entziehen. Der rationale Diskutant steht dann hilflos vor einer Mauer arroganter und aggressiver Unbelehrbarkeit.

Dazu als Beispiel der Fall, dass jemand behauptet, er habe das Problem der Winkeldreiteilung durch klassische Konstruktion gelöst (was bekanntlich seit zweihundert Jahren als unmöglich bewiesen ist).

Gegen dieses Verlassen des gemeinsamen Bodens des common sense und des folgerichtigen Sprachgebrauchs (im Sinne Wittgensteins) gibt es nur ein Mittel, nämlich genau dieses Faktum in der Diskussion öffentlich festzustellen!

Also nach kirchlichem Beispiel: „Wer das sagt, anathema sit!“ Das soll dann bedeuten, dass der, der so redet, den gemeinsamen Boden der Diskussion verlassen hat, womit sich eine weitere Diskussion erübrigt, da sie nicht mehr möglich ist!

Das läßt aber auch die Hoffnung auf spätere Einsicht und Fortsetzung des Gesprächs offen!

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Der Gottesbeweis des Kurt Gödel

Anselmo d’Aosta, den wir Anselm von Canterbury zu nennen gewohnt sind (was viel über unsere lokale Tradition und Lehre aussagt) entwickelte den sogenannten ontologischen Gottesbeweis. Darin versuchte er zu zeigen, dass aus der Idee eines höchsten Wesens notwendig dessen Existenz folgen müsse. Bereits Thomas von Aquin kritisierte den Gedankengang und seit Immanuel Kant die Fehlerhaftigkeit des Beweises glasklar aufgezeigt haben wollte, glaubt jeder Intellektuelle darüber lächeln zu müssen.
Der größte Logiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Kurt Goedel (1906 – 1978), der Macht und Ohnmacht der axiomatischen Methode in bewundernswerter Weise aufgezeigt und bewiesen hat, beschäftigte sich lange mit Anselms Gedankengang. Er publizierte dazu aber nichts, da er fürchtete für naiv gläubig gehalten zu werden, obwohl er doch nur bewiesen habe, dass Anselms Gedankengang logisch einwandfrei sei. Erst 1987 wurde erstmals sein rekonstruierter Anselmscher Beweis veröffentlicht. Darin wird formal und axiomatisch Anselm rehabilitiert. Nachprüfungen (mit Hilfe eines computerbasierten Logikprogramms) dieses von Gödel in der Sprache der Modallogik formulierten Satzes ergaben seine zweifelsfreie Richtigkeit.
Kurt Gödel begann seine Argumentation mit der Klassifikation von Eigenschaften, er definiert rein formal eine Eigenschaft als „positiv“, wenn ihre Negation nicht „positiv“ ist. Gödel zeigt dann, dass die Kombination aller positiven Eigenschaften einer Entität widerspruchsfrei zugeordnet werden kann. Weiters zeigt er, dass diese Entität im Sinn der Modallogik nicht nur möglich, sondern sogar notwendig ist. Eine Entität, die alle positiven Eigenschaften besitzt, existiert also notwendig und auch einzig.
Wie man dann die modallogisch notwendige Existenz einer Entität mit allen positiven Eigenschaften theologisch einordnen soll, wäre eine wichtige Aufgabe der Theologie. Mir ist nicht bekannt, dass ein katholischer Theologe von Rang sich damit beschäftigt hätte. Das betrübt mich.

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