Was es in der Thora nicht gibt

Es ist wenigen Christen klar, dass in den fünf Büchern Mosis von wesentlichen Aussagen des Christentums über die letzten Dinge keine Spur zu finden ist.

Wer stirbt, hat nach der Thora kein Gericht zu erwarten, er kommt weder in den Himmel, noch in die Hölle. Es gibt lediglich einen Ort der Toten (שְׁאֹ֑לָ) in der Tiefe (Num 16,33).

Sehr erstaunlich auch: Im Text kommt kein Teufel vor! Mit Satan (שָׂטָ֣ן) wird lediglich die Funktion jenes Engels bezeichnet, der Bileam aufhält (Num 22,22).

Wer die Thora (als Christ) liest, muss sich also von Erwartungen trennen und den Text so lesen, wie er da steht! Er darf nichts hineinlesen, was er als selbstverständlich erwartet. Das ist nicht so leicht, wie es sich anhört!

Jakob am Jabbok

Warum steht diese höchst merkwürdige, spannende und gruselige Geschichte in der Bibel (Gen 32,23-33)?

Zur Erzählung gibt es eine Fülle von Auslegungen und Erklärungen, die oft mit erheblichem Aufwand tiefe Bedeutungen entwickeln.

Unbestritten ist die ätiologische Funktion, die den Ortsnamen Penuel (פְּנִיאֵל) und den neuen Namen Jakobs „Israel“ erklärt. Klar ist auch die Notwendigkeit den Charakter des Betrügers Jakob zu ändern, um die Logik der Erzählung weiter zu entwickeln.

Aber was soll das dramatische nächtliche Ringen mit einem übernatürlichen Wesen und der Erzwingung seines Segens? Diese Erzählung war nach Meinung einiger Fachleute wohl als volkstümliche Sage von der Begegnung mit einem babylonischen Flußgott im Umlauf. Was soll sie aber in der Bibel?

Dazu gibt es eine naheliegende, aber leider gar nicht fromme Erklärung: Diese Geschichte ist einfach zu gut, als dass ein Autor darauf verzichten wollte! Hier weht – respektlos gesagt – der „sens of wonder“. Deshalb hat sie der Autor in seine Erzählung eingebaut und funktional im Sinn der Botschaft verwendet.

Hiobs Leiden und Gottes Antwort

Nach Christine Hayes kann man dem Buch Hiob einige erstaunliche Aussagen entnehmen.

Der Herr verwirft sowohl die Behauptungen seiner Freunde, dass es Hiob schlecht gehe, weil er gesündigt habe, als auch Hiobs Forderung nach Gerechtigkeit. Die Freunde haben doppelt unrecht, denn Hiob hat nicht gesündigt und wenn, selbst aus Sünden folgen keine Strafen im Leben. Hiob hat unrecht, weil er haben will, dass das Prinzip der Konsequenz gelten möge, was wegen seiner Gerechtigkeit zur Belohnung im Leben führen sollte.

Der Herr verneint die Regel, dass Gute im Leben belohnt und Böse im Leben bestraft werden. Er verweist auf die Erhabenheit der Schöpfung, die dem Menschen unverständlich bleibt.

Hiob hingegen gewinnt die Einsicht, dass die Gerechtigkeit des Menschen ihre Würde in sich selbst trägt. Er will gerecht um der Gerechtigkeit willen sein,

Theologie im selbst gelegten Feuer

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Ausgehend von der deutschen protestantischen Theologie begann sich im 19. Jahrhundert zersetzender Zweifel auszubreiten. Durchaus sehr gebildete und intelligente Professoren der Theologie, die sich jetzt der Freiheit der Wissenschaft erfreuen konnten, arbeiteten mit dem Furor zünftiger Philosophen an originellen Konzepten. Übertroffen wurden sie allerdings von einem Professor der Altphilologie, dem Philosophen und Dichter Friedrich Nietzsche. Sein Aufschrei vom Tod Gottes wirkt nachhaltig bis heute.

Ein anderer deutscher Philosoph, Karl Marx, bereitete mit seiner materialistischen Philosophie vom Kapital nicht nur sozialem Umsturz den Boden, sondern spukt noch immer in den Köpfen mancher Theologen. Dagegen ist die massive Christenverfolgung der Gegenwart in vielen Ländern kaum ein Randthema in der theologischen Diskussion der westlichen Welt.

Die wissenschaftliche Theologie hat sich den sozialrevolutionären Ideen geöffnet, aber leider die grundlegend neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaft aus dem zwanzigsten Jahrhundert (Quantentheorie) zur Gänze verschlafen.

Der gute Hirte

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In den römischen Katakomben der ersten Jahrhunderte ist die Darstellung  Jesu Christi als guter Hirte weit verbreitet. Diese tröstende Botschaft von der göttlichen Zuwendung und Obsorge auch für den unbedeutendsten Mitmenschen hat viele erreicht. Augenscheinlich wurde das als Kern der Lehre verstanden und aufgenommen.

Nach dem mehrtausendjährigen Auf- und Ausbau der Reichskirche in theologischer und struktureller Hinsicht ist diese schlichte Botschaft für viele Menschen heute wieder von großer Bedeutung. Vergessen sind die gewaltigen Gedankengebäude der grossen Theologen und auch die Macht und Pracht der römischen Kirche, gefragt ist ein einfacher Trost.

 

 

 

Der heilige Nikolaus

Während in Österreich der heilige Nikolaus kaum mehr ist als eine Figur der Folklore im Advent, so ist das in Russland ganz anders.

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Im Mai 2017 wurde die Reliquie des heiligen Nikolaus von Myra aus der italienischen Stadt Bari für ungefähr 3 Wochen nach Moskau eingeflogen. Dieses große historische Ereignis für die Russisch Orthodoxe Kirche wurde mit einer großen heiligen Messe in der Christus-Erlöser Kathedrale begangen. Zahlreiche Bürger Russlands aus verschiedenen Teilen des Landes standen in kilometerlangen Schlangen an, um einen Moment mit dem heiligen Nikolaus verbringen zu können, am Mittwochabend besuchte auch Präsident Putin die Christus-Erlöser-Kathedrale, der die Reliquie des Heiligen berührte.

Wurzeln christlicher Gebete in den Sefirot

Im Buch Chronik der Bibel sagt König David (1 Chr 29,11-12):

Dein, Herr, sind Größe und Kraft, Ruhm und Glanz und Hoheit; dein ist alles im Himmel und auf Erden. Herr, dein ist das Königtum. Du erhebst dich als Haupt über alles. 

Reichtum und Ehre kommen von dir; du bist der Herrscher über das All. In deiner Hand liegen Kraft und Stärke; von deiner Hand kommt alle Größe und Macht.

Ausgehend davon entwickelten jüdische Gelehrte des Mittelalters das Konzept des sefirotischen Baumes, in dem die Eigenschaften Gottes als Basis weitgehender Spekulationen  dargestellt werden. Diese Lehre wurde Kabbalah genannt und ist geistesgeschichtlich von grosser Bedeutung.

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Erläuterung (Wikipedia):

  •     Kether  (Krone, erster aufleuchtender Punkt im En Sof)
  •     Chochmah (göttliche Weisheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Schöpfungsplan)
  •     Binah (Wille, Einsicht, Verstand; Intelligenz)
  •     Chesed (Liebe, Barmherzigkeit, Gnade, Gunst, Treue)
  •     Din, Gevurah oder Gebura (Gesetz, Stärke, Macht, Sieg, Gerechtigkeit)
  •     Tiferet (Aufrechterhaltung des Daseins, Pracht, Verherrlichung, Schönheit),
  •     Netzach (Ewigkeit, Beständigkeit, Sieg; Ruhm, Blut, Saft)
  •     Hod (Glanz, Majestät, Donner)
  •     Jesod (Fundament, Gründung, Grund, Grundstein, Grundlage), Josef
  •     Malchuth oder Schechina (Königreich, Herrschaft, königliche Würde, Regierung)       

Interessant ist, dass sich davon mehrere Begriffe in den christlichen Grundgebeten  finden. In der Schlusszeile der aktuellen Fassung des  Vaterunsers steht: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.

כִּי לְךָ הַמַּמְלָכָה וְהַגְּבוּרָה וְהַתִפְאֶרֶת לְעוֹלְמֵי עוֹלָמִים אָמֵן

 Transkribiert: Ke lakha, hamamlakha, vehagevurah, veha tiferet l’olemei ‘olamim.

Also mamlakha für Reich, gevurah für Kraft und tiferet für Herrlichkeit. Mamlakha bedeutet Königreich, entspricht also malchut.

In der zweiten Zeile des Ave Maria: Voll der Gnade..

מלאת  החסד

Wieder transkribiert aus dem Hebräischen: meleat hachesed. Also chesed für Gnade.

Die Wurzeln der christlichen Gebete liegen selbstverständlich in jüdischen Traditionen!